Damals

Es war damals. Damals war wichtig, als Ort, als Gedenken, als Traum. Niemand bisher hatte damals vergessen, niemand ahnte, dass Vergessen eine Möglichkeit zu sein hatte, die Erinnerung zu bewahren. Es begann ohne dies.

Julian stand auf, schloss die Gardinen, setzte sich. Ohne draußen, das in den Raum schaute, war der Raum ein anderer. Julian mochte es, in neuen Räumen zu sitzen. Er sah sich um, sah an, sah auf die Dinge und memorierte den Weg seines Blickes. Er stand auf, stellte sich hinter den Sessel, spielte die erinnerte Blickführung ab. Alles war anders.

„Wie“, so sagte er laut, denn er mochte den Klang seiner Stimme in einem neuen Raum, und er lauschte auf den Klang und nach dem fehlenden Echo.
„Wie“, setzte er neu an, jetzt mit dem Klang vertraut, „wie kann es sein, dass die Dinge, die sich nicht verändern sollen, und ich schaue auf sie, wie ich im ersten Moment geschaut habe, und die Dinge sind anders? Oder sind es andere Dinge, die ich schaue? Mit dem gleichen Blick?“

Julian war sich selbst nicht klar, als die Dinge ihm unklar wurden. War das damals schon auch so?

„Ich war dabei, ich kann mich nicht erinnern. Wie kann es sein, dass ich mich an dieses damals nicht erinnere? Ja, ich erinner mich an vieles von damals und ich dachte, es wär alles. Also erinnerte ich mich an damals ganz, und mein Traum war ganz. Jetzt erinner ich mich nicht mehr ganz. Erinner ich mich also überhaupt? Mein Traum ist nicht mehr.“ Julian blieb steif stehen, um nicht zu verlieren: sich, die Dinge, die Blickführung, die falsch war und das beste, was ihm blieb. Eigentlich hatte er gedacht, neues zu mögen.
So endete damals.

Das Auto kam auf Julian zu. Erst langsam und klein, dann schneller und größer. So sah Julian es und stand, etwas steif, etwas zusammen gesunken, diese Haltung zu bewahren, die Perspektive nicht zu verändern, sondern sich auf das große und das kleine, auf das schnelle und das langsame Auto zu konzentrieren. Es kam weiter näher und hinter der Reflexion der Windschutzscheibe erschienen zwei Personen. Sekunden, in denen Julian seine Haltung nicht veränderte, ließen ihre Köpfe wachsen, bis sie fast so groß wie Julians Kopf waren. Sie sahen ihn nicht. Das Auto fuhr unter der Brücke durch, auf der Julian stand.

„Wieso bist du hier?“

„Man sagte mir, die Dinge hier wären so, wie sie sind. Und sie blieben so. Ich dachte, ich würde neues mögen. Dann hat neues das alte zerstört. Jetzt habe ich nichts.“

Julian war durch die Seitentür neben dem Tor ins Kloster eingetreten. Dabei erinnerte er einen Moment, der so ähnlich war, aber anders ausging. In der Erinnerung sah er einen Mann vor dem Kloster einen Schokoriegel essen und umdrehen. Julian dachte nicht, dass er der Mann in der Erinnerung war, wußte aber auch nicht, wer es war. Er könnte es also sein. In dieser Erinnerung ging er durch die Tür und sprach mit einem Mann in Kutte. Julian schaute an sich herunter, um festzustellen, ob er auch eine Kutte trug. Er tat es nicht und konnte sich so sicher sein, nicht der Mann ihm gegenüber zu sein.

„Du willst hier sein, weil du nicht woanders sein willst?“

„Wo wäre denn dies woanders?“

Das Gesicht oberhalb der Kutte, vor der Kapuze schaute ihn lange an, als hätte es Julians Frage nicht verstanden.

„Ãœberall außer hier.“

Das Gesicht hatte ihn nicht verstanden. Julian wüsste gerne, wie es aussehen würde, wenn es ihn verstände. Das wäre auch neu und sicher irritierend. Aber Julian wusste, dass dieses neu gut sein würde. Er lächelte.

„Danke. Du hast mir geholfen.“

„Ich versteh nicht.“

„Kommst du mit mir?“ Julian wusste nicht, woher diese Frage kam. Sie war da, wie die Dinge einfach da waren. Julian erwartete, dass sie sich verändern würde. Sie tat es nicht, stand einfach im Raum hinter der Tür, durch die er gegangen war, anders als der Mann seiner Erinnerung.

Julian hatte jetzt zwei Erinnerungen. Er war auch durch die Tür gegangen. Es war also möglich, etwas zu tun und etwas nicht zu tun. Das waren zwei Dinge, die er neu gelernt hatte. Er dachte über beide nach und sie veränderten sich nicht, wie er sie auch ansah.

So begann jetzt.

A tip for the iceberg:

Don’t let the 90 percent
drown you.

Formal falsch, inhaltlich richtig

Einzigste.


 

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